HINTERGRUND

Kurzer Überblick über die Geschichte der Arbeiter_innenkultur in der Schweiz

Mit dem Beginn der politischen und gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiter_innenschaft begann auch die Organisierung von Arbeiter_innenkultur. Diese umfasste in ihrer Anfangszeit vor allem Sport- und Chorgruppen, und war stark an die Festkultur der Bewegung gebunden.

hre Höhe erreichte die Arbeiter_innenkultur in der Schweiz parallel zur Organisation der Arbeiter_innenkultur in Deutschland. Dies hing vor allem mit einem verstärkten Kulturengagement der Kommunistischen Partei Schweiz (KPS) zusammen, welches programmatisch nah beim Kulturprogramm der Kommunistischen Partei Deutschland (KPD) lag. So wurde spezifisch Arbeiter_innenkultur gefördert und auch die Zusammenarbeit mit professionellen Künstler_innen gesucht. Auch Einflüsse der Agitprop-Bewegung* spielten eine Rolle. Wichtig war dabei die Idee, dass das Bürgertum in seinen Kulturveranstaltungen kaum mehr etwas anderes zustande brachte, als die eigenen Klasseninteressen zu vertreten. Dem sollte nun als Teil des weltweiten Emanzipationsprozess der Arbeiter_innenklasse eine Kultur entgegengesetzt werden, die sich dem Einfluss der bürgerlichen Ideologie entziehen konnte.

* Agitprop: Begriff, der aus den Worten Agitation und Propaganda zusammengesetzt ist. Nach Lenin und Plechanow hat Propaganda die Aufgabe, Theorie zu vermitteln, zu erklären und zu analysieren, während Agitation diese Theorie anwendet, um Volksmassen zu mobilisieren. Agitprop ist also die Verschmelzung von theoretischer Aufklärung und Mobilisierung. Als Kulturform war das Agitprop-Theater ein Theater, welches das Publikum sowohl belehren als auch aufrütteln und mobilisieren sollte.

Ab 1920 verzeichnet die Schweizer Geschichte deshalb auch verschiedene Gründungen von Arbeiter_innenbühnen und -theater. Arbeiter_innen spielten für Arbeiter_innen. Im Zuge der 30er Jahre wurde das Arbeiter_innentheater zunehmend von professionellen antifaschistischen Kulturschaffenden beeinflusst, die vor dem Faschismus in Deutschland geflohen waren. Die Aufgabe der Sozialfaschismusthese und Versuche der kommunistischen Partei, die Einheit mit dem SGB und der SP wieder zu stärken, begünstigte die Existenz der Theatergruppen.

Ein abruptes Ende nimmt dieser Höhenflug mit dem Verbot der KPS 1940. In den Untergrund getrieben konnte die Kulturarbeit nicht weitergeführt werden. Da vieles in der gewerkschaftlichen Kultur durch Kommunist_innen mitorganisiert war, brach nun ein wichtiger Teil dieser aktivistischen Energie ein. Der Antikommunismus des kalten Krieges und die vielfältigen Freizeitangebote der Hochkonjunktur in der Nachkriegszeit führten zur Auflösung der Arbeiter_innenkultur in ihrer organisierten Form.

Rolle des Volkshauses

Die Idee des Volkshauses entstand ursprünglich durch die bürgerlichen Frauenbewegung 1893, die damit den Alkoholismus in Aussersihl bekämpfen wollten. Nach und nach wurde das Volkshaus jedoch zu einem wichtigen Ort der Arbeiter_innenbewegung. 1912 kommt es in Zürich zum Generalstreik, als ein Arbeiter von erschossen wird. Das Volkshaus wird zur Streikzentrale und wenige Tage später vom Militär besetzt. Auch beim landesweiten Generalstreik von 1918 ist das Volkshaus die Zürcherische Organisationszentrale.

Der Anbau des Theatersaals 1928 führte zur Entwicklung einer regen Kino- und Theaterkultur der Arbeiter_innenorganisationen. So wurden zum Beispiel hier auch die Stücke der Proletarischen Schauspielgruppe Zürich (PSG) gespielt. Die Entwicklungen der Nachkriegszeit machten sich auch im Volkshaus spürbar: Vereinzelt wurden noch kulturelle Veranstaltungen ehemaliger Arbeiter_innenkulturorganisationen durchgeführt, doch sie wichen bald kommerziellen Veranstaltungen. 1956 entschied die Volkshausstiftung sogar gegen ihre Statuten und beschloss, Kommunist_innen keine Säle mehr zu vermieten.

In den Bewegungen der 68er und 80er wurden verschiedene Wiederbelebungsversuche der Arbeiter_innenkultur versucht und das Volkshaus wurde erneut zu einem Versammlungsraum der Linken. Gleichzeitig besetzte nun aber auch die Rechte das Volkshaus: 1968 stellte James Schwarzenbach im Theatersaal die zweite migrant_innenfeindliche Überfremdungsinitiative vor.

Letzte Versuche der Linken, die Preise im Volkshaus niedrig zu halten und die Bewirtschaftung desselben durch politische Betriebe zu gewährleisten, scheitern. Heute ist das Volkshaus immer noch ein Kulturort – der Einfluss linker Organisationen aber deutlich geschwunden.

Heutige Überbleibsel und Neufindungen

Heutzutage ist wenig von der damaligen Arbeiter_innenkultur im Sinne einer eigenen künstlerischen Praxis zurückgeblieben. An gewerkschaftlichen Festen und Kampftagen (8. März, 1. Mai) leben Spuren derselben weiter. Gleichzeitig besteht immer noch viel kultureller Input aus den verschiedenen linken Bewegungen. Auch die verschiedenen migrantischen Organisationen finden neue Kulturformen, die sowohl migrantische Kämpfe als auch Arbeitskämpfe umspannen, und bringen lebendige Arbeiter_innenkultur aus zb. Kurdistan oder der Türkei mit. Schliesslich werden auch in den neuen prekarisierten Berufen spontan eigene Kultur-, Fest und Sportformen entwickelt, so zb. das Alleycat der Fahrradkurier_innen, das die Arbeitserfahrung mit spielerischen und gemeinschaftlichen Elementen verknüpft und Anlass zur Organisierung gibt.

Die Roten Kulturtage sind der Versuch, diese neuen Kulturformen zu versammeln und einen neuen Raum zu schaffen, in dem diese verschiedenen Kämpfe verbunden werden können.

Quellen:
Hundert Jahre Volkshaus Zürich, Bewegung Ort Geschichte, herausgegeben von Urs Kälin, Stefan Keller und Rebekka Wyler, hier + jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, Baden 2010

Proletarisches, Agitprop- und antifaschistisches Theater, ein Beitrag zur Geschichte des schweizerischen Arbeitertheaters der Zwischenkriegszeit, Inauguraldissertation von Ivo Frey, Selbstverlag, Bern 1983



Short overview of the history of workers' culture in Switzerland

The beginning of workers’ political and trade unions marked the beginning of organised workers culture.

In its early days this was mainly comprised of sports and choir groups and was strongly linked to the movement's festivities.

Workers' culture in Switzerland reached its height parallel to the organisation of workers' culture in Germany.

This was mainly due to the increased cultural commitment of the Swiss Communist Party (KPS), which was programmatically close to the cultural programme of the German Communist Party (KPD). Workers' culture was specifically promoted and cooperations with professional artists were sought after. Influences from the agitprop movement* also played a role in its development. The parties’ most important idea was that the bourgeoisie hardly achieved anything other than representing its own class interests. As part of the worldwide process of the emancipation of the working class, this was to be countered by a culture that could escape the influence of bourgeois ideology.

* Agitprop: term composed of the words agitation and propaganda. According to Lenin and Plekhanov, propaganda has the task of conveying, explaining and analysing theory, while agitation applies this theory to mobilise masses of people. Agitprop is thus the fusion of theoretical enlightenment and mobilisation. As a cultural form, agitprop theatre was a theatre that was intended to educate as well as to rouse and mobilise the audience.

From 1920 onwards, Switzerland records the founding of various workers' theatres and theatres. Through this development we see workers playing for workers. In the course of the 1930s, workers' theatre was increasingly influenced by professional anti-fascist artists who had fled fascism in Germany. The abandonment of the social fascism thesis and attempts by the communist party to re-establish unity with the SGB and the SP favoured the existence of these theatre groups. This boom came to an abrupt end with the banning of the KPS in 1940. Driven underground, the cultural work could not be continued. Since much of the trade union culture had been co-organised by communists, an important part of this activist energy now collapsed. The anti-communism of the Cold War and the diverse leisure activities of the post-war boom led to the dissolution of workers' culture in its organised form.

Role of the Volkshaus

The idea of the Volkshaus originally arose from the bourgeois women's movement in 1893, who wanted to use it to combat alcoholism in Aussersihl. Gradually, however, the Volkshaus became an important place for the workers' movement. In 1912 there was a general strike in Zurich when a worker was shot dead. The Volkshaus became the strike’s headquarters until it was occupied by the military a few days later. The Volkshaus was also Zurich’s logistics centre for the nationwide general strike of 1918.

The extension of the theatre hall in 1928 led to the development of a lively cinema and theatre culture through the workers' organisations. For example through the performing of the plays of the Proletarian Drama Group Zurich (PSG) .

Later the cultural changes of the post-war period made themselves felt in the Volkshaus: events of former workers' cultural organisations were still held sporadically, but they soon gave way to commercial events. In 1956, the Volkshaus Foundation even decided against its statutes and decided to no longer rent rooms to communists.

In the movements of the 68s and 80s, various attempts were made to revive workers' culture and the Volkshaus once again became a meeting place for the left. During this period, however, the right also used the Volkshaus: in 1968, James Schwarzenbach presented the second anti-migrant Überfremdungsinitiative in its theatre hall.

The ultimate attempts by the left to keep prices in the Volkshaus low and to ensure that it was run by political businesses, failed. Today the Volkshaus is still a cultural venue - but the influence of left-wing organisations on it has clearly diminished.

Today's Remnants and New Foundations

In the sense of an autonomous artistic practice, today little remains of the workers’ culture of the past. Traces of it live on in trade union festivals or struggle days (8 March, 1 May).

At the same time, there is still a lot of cultural input from the various left movements. The different migrant organisations are finding new cultural forms that encompass migrant struggles as well as labour struggles, and bring living workers' culture from e.g. Kurdistan or Turkey into public space. Finally, the new precarious professions spontaneously develop their own cultural, festive and sporting forms, such as the bicycle couriers' “alleycat”, which links the work experience with playful and communal elements and gives rise to organisation .

The Red Culture Days are an attempt to gather these new cultural forms and create a new space where these different struggles can be connected.

Sources: Hundert Jahre Volkshaus Zürich, Bewegung Ort Geschichte, edited by Urs Kälin, Stefan Keller and Rebekka Wyler, hier + jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, Baden 2010.

Proletarisches, Agitprop- und antifaschistisches Theater, ein Beitrag zur Geschichte des schweizerischen Arbeitertheaters der Zwischenkriegszeit, Inauguraldissertation by Ivo Frey, Selbstverlag, Bern 1983